Die Menschen leben immer länger. Die Rentenzeit gilt nicht mehr als „Ruhestand“ oder „Lebensabend“, sondern als neuer Abschnitt, den viele Senioren aktiv gestalten. Wer heute jung ist, sollte jedoch recht­zeitig vorsorgen, um sich im Alter Träume erfüllen zu können

Besonders liebt Bernd Kesting* den kleinen Pool hinter seinem Haus. Jeden Morgen steht er mit einem Kescher am Rand und fischt den Schmutz heraus, den der Wind über Nacht ins Wasser geweht hat: etwa Blätter und Zweige des Zitronenbaumes, der auf der Terrasse steht. Erst danach trinkt er seinen ersten Kaffee. Seit rund zehn Jahren leben Bernd Kesting und seine Frau Karin* auf Mallorca. Beide sind mit Anfang 60 in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Sie haben ihr Eigenheim nahe Köln verkauft und die kleine Finca im Südosten der Insel erworben. Ein paar Möbel haben sie eingelagert, den Rest entsorgt. Dann sind sie auf die Mittelmeerinsel gezogen. Seither genießen sie die Sonne, das Meer – und den kleinen Pool. „Wir gehen erst im Alter wieder nach Deutschland zurück“, sagt Bernd Kesting. Er und seine Frau sind 72 Jahre alt.

Das Alter. Wann soll das sein? Mit Anfang 70 ist es offenbar noch nicht erreicht. Wer Bernd Kesting und seine Frau erlebt, denkt nicht an Alter oder gar Gebrechlichkeit. Die beiden sind fit, spielen Golf und fahren Fahrrad. Abends treffen sie sich mit Freunden in der Bar. Mit dem Ende des Berufslebens hat für sie nicht der Lebensabend begonnen, wie es früher melancholisch hieß, sondern ein neuer Abschnitt. Über ihre Rente sind sie finanziell so abgesichert, dass sie sich das aktive Leben unter der Sonne seit vielen Jahren leisten können.

Die Kestings sind keine Ausnahme. Die heutigen Senioren sind häufig agil, mobil, voller Lebenslust. „Das gefühlte Alter ist deutlich nach unten gegangen“, sagt Trendforscher Peter Wippermann. „Die Menschen fühlen sich zumeist 10 bis 15 Jahre jünger, als es in ihrem Personalausweis steht.“


Weltrundfahrt Zurzeit wartet HEIDI HETZER in Chile auf Ersatzteile für „Hudo“. So heißt der Oldtimer, mit dem die 79-Jährige seit zwei Jahren um die Welt reist. 2012 verkaufte die Berlinerin ihren Autohandel, weil sie keinen Nachfolger fand. Die Inspiration zur Reise lieferte Clärenore Stinnes, die von 1927 bis 1929 als erster Mensch einmal um die Welt fuhr. „Die Idee kam mir, weil ich etwas von Autos verstehe und schon früher an Rallyes teilgenommen habe“, erzählt Hetzer. Stinnes ist über 40 000 Kilometer weit gefahren, Hetzer hat bereits 65 000 Kilometer auf der Uhr.

Noch vor 100 Jahren wurden Männer im Durchschnitt nur 47,4 Jahre alt, Frauen 50,6 Jahre. Inzwischen leben die Menschen fast doppelt so lange. 42-jährige Frauen haben heute laut Statistischem Bundesamt eine Lebenserwartung von etwa 88 Jahren, Männer von 83 Jahren. Und Mädchen und Jungen, die 2016 geboren werden, erreichen, statistisch gesehen, ein Alter von
91 beziehungsweise 87 Jahren.

Die Menschen werden nicht nur älter. Sie bleiben auch länger gesund – nicht zuletzt, weil die Medizin heute viele Krankheiten im Griff hat, die früher die Lebensqualität stark eingeschränkt haben. Auch im höheren Alter ist dadurch noch vieles möglich: Man kann eine neue Sportart beginnen. Auf Reisen gehen. Sich ehrenamtlich engagieren oder endlich das Musikinstrument lernen, das man schon immer einmal spielen wollte (siehe Grafik).

Im Wintersemester 2014/15 waren bundesweit 2336 Menschen im Alter von wenigstens 65 Jahren an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Sie haben nach dem Ende ihres aktiven Berufslebens den Drang verspürt, ihr Wissen zu erweitern – und die Chance genutzt. 37 623 Senioren über 64 Jahre haben 2014 das Deutsche Sportabzeichen gemacht, 3972 legten 2013 ihre Prüfung zum Motorradführerschein ab.

Ein Drittel des Gehalts als Rente

Ein Leben unter der Sonne Mallorcas oder auf dem Sattel einer Harley-Davidson auf der Route 66 werden sich künftig allerdings immer weniger Senioren leisten können – zumindest wenn sie allein mit der gesetzlichen Rente auskommen müssen.

Die Sozial­versicherungssysteme halten mit der demo­­grafischen Entwicklung nicht Schritt: In den 70er-Jahren hat ein Arbeitnehmer noch rund 60 Prozent seines letzten Gehalts als Rente bezogen. 2014, so die jüngsten Zahlen der Deutschen Rentenversicherung, betrug die durchschnittliche Rente in den alten Bundesländern 771 Euro. Weil die Rentner in den neuen Bundesländern meist längere Versichertenzeiten vorweisen können, sind ihre Bezüge höher: Im Schnitt erhielten sie 944 Euro.


Extremsport Als über Lautsprecher sein Sieg durchgesagt wurde, konnte es GERHARD NIEßNER nicht glauben. Schließlich war dies sein erster olympischer Triathlon überhaupt – mit 55 Jahren. Inzwischen ist Nießner 75. Er war mehrfach Welt- und Europameister im Triathlon, kam sogar dreimal beim Ironman auf Hawaii – dem wohl härtesten Wettkampf überhaupt – ins Ziel. Solche Torturen mutet sich der Bad Camberger heute nicht mehr zu, doch noch immer trainiert er fast täglich. „Mein Herz braucht das“, so Nießner.

Das Rentenniveau wird weiter sinken, das ist sogar gesetzlich festgelegt: 2030 soll die Rente, bemessen an einem sogenannten Eckdatenrentner nach 45 Beitragsjahren, nur noch bei 43 Prozent eines Durchschnittsgehaltes liegen. Doch wer zahlt schon 45 Jahre durchgängig Beiträge ein? Das Zukunftsforschungsinstitut Prognos hat errechnet, dass zum Beispiel ein Ingenieur, der 2040 in der Sächsischen Schweiz in Rente geht, mit weniger als einem Drittel seines letzten Gehaltes auskommen muss.

Der Grund für die Entwicklung liegt vor allem darin, dass die gesetzliche Rente umlagefinanziert ist. Das heißt: Die junge, erwerbstätige Bevölkerung erwirtschaftet die Zahlungen an die Älteren. Geschaffen wurde das System in einer Zeit, als die Bevölkerungsstruktur noch einer Pyramide ähnelte – mit vielen jungen und wenig alten Menschen. Durch die demografische Entwicklung stehen heute den Rentenbeziehern immer weniger Beitragszahler gegenüber. Da sie älter werden als frühere Generationen, beziehen sie ihre Rente sehr viel länger. Laut Deutscher Rentenversicherung erhalten Senioren im Schnitt über einen Zeitraum von 19,3 Jahren Altersbezüge – beinahe doppelt so lang wie 1960. Selbst der starke Zuzug von Flüchtlingen in der jüngsten Vergangenheit bremst diese Entwicklung kaum: Laut der Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes finanzierten zuletzt 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter die Rente von etwa 34 Senioren. Werden die Trends der vergangenen Jahre fortgeschrieben, müssen sie 2060 für 65 Rentner aufkommen.

Wie soll das funkionieren? Seit Jahren mahnen Experten an, zusätzlich privat fürs Alter vorzusorgen. Fakt ist: Die Zahlungen aus der Rentenkasse allein werden für viele zum Leben kaum reichen. „Früher konnten die meisten Berufstätigen mit der gesetzlichen Rente ihre Grundbedürfnisse abdecken“, sagt Prof. Dr. Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (IFA) in Ulm. „Vom Ersparten konnten sie sich ein bisschen Luxus obendrauf gönnen.“ Künftig, sagt er, werde die gesetzliche Rente kaum mehr für die Grundbedürfnisse reichen. Die Menschen brauchen die private Zusatzvorsorge also nicht, um sich ab und zu mal etwas Besonderes zu gönnen. Sondern schlicht, um über die Runden zu kommen.

Frühe Vorsorge zahlt sich aus

Dieses Szenario betrifft auch die Familie von Bernd und Karin Kesting: Die beiden haben zwei erwachsene Kinder, 48 und 46 Jahre alt. Der Sohn arbeitet im Marketing, die Tochter ist kaufmännische Angestellte. Seit ihre Eltern in Spanien leben, verbringen sie ihre Urlaube oft dort, zusammen mit dem eigenen Nachwuchs. Doch wenn Bernd und Karin Kesting eines Tages nach Deutschland zurückkehren, ist auch für ihre Kinder die entspannte Zeit auf Mallorca vorbei. Diese werden sich das Leben auf der Sonneninsel selbst nicht mehr leisten können. „Ich wäre ja schon froh, wenn wir als Rentner unseren Lebensstandard zu Hause halbwegs halten“, sagt Tochter Susanne*.


Rockband Als Teenager hörte BEATRIX WIRBELBAUER am liebsten die Rolling Stones – musste aber das klassische Instrument Gambe spielen. Ihr Wunsch, mit einer eigenen Band Rockmusik zu machen, ließ sie nicht mehr los. Heute, ein halbes Jahrhundert später, steht die 63-Jährige mit einem E-Bass auf der Bühne, vor sich ein Mikrofon. Vor drei Jahren erfüllte sie sich ihren Traum, nahm Unterricht und gründete mithilfe der Music Academy Düsseldorf ihre Band „Faltenrock“. Zum Repertoire zählen selbstverständlich auch Stücke von den Stones, zum Beispiel „Brown Sugar“.

Große Teile der Erwerbsbevölkerung stecken wie die Kesting-Kinder in einem Dilemma: Sie leben länger, sind gesünder – und machen sich dennoch Sorgen, wie sie den letzten Lebensabschnitt finanzieren. Tausende Senioren arbeiten einfach weiter, wenn sie offiziell längst Rentner sind. Manche, weil sie es aus finanziellen Gründen müssen. Andere, weil sie es so wollen und das „Ruheteil“ für sie in diesem Alter noch undenkbar ist. 95 Prozent der Rentnerinnen und Rentner, die noch einen Job oder gar ihren alten Beruf haben, sagen, dass sie aus Spaß an der Arbeit dabeige­blieben sind. Die jüngsten politischen Vorstöße zur Teilzeitrente und zu einer möglichen weiteren Erhöhung des Rentenalters tragen dem Trend zur längeren Berufstätigkeit Rechnung.

Viele Bürger sehen die demografische Entwicklung skeptisch. In einer Umfrage der Economist Intelligence Unit (EIU) im Auftrag von Swiss Life gaben 51 Prozent der Befragten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich an, die höhere Lebenserwartung werde in ihrem Land als großes Problem für die Gesellschaft dargestellt oder zumindest stärker als Problem denn als Vorteil. Nur 23 Prozent sahen es andersherum. Was also tun? Vorsorgen, sagen Experten. Und zwar so früh wie möglich (siehe Interview). Viele junge Menschen denken noch gar nicht an die Zeit nach der eigenen Berufstätigkeit. Zum Teil sind sie verunsichert, weil althergebrachte Vorsorgeprodukte wegen des Zinstiefs kaum noch Rendite bringen. Zum anderen verdrängen sie das Thema augenscheinlich.

„Es hat sich noch keine Kultur zusätzlicher Vorsorge in Deutschland entwickelt“, sagt Prof. Dr. Christian Traxler, Wissenschaftler an der Hertie School of Governance in Berlin. „Die Tendenz geht bei der jungen Generation sogar in die entgegengesetzte Richtung.“ Traxler ist Mitherausgeber der Metallrente Studie 2016, bei der 2500 junge Leute zwischen 17 und 27 Jahren zu ihrer Vorsorgestrategie befragt wurden. Dabei kam heraus: Den jungen Menschen ist zwar klar, dass die gesetzliche Rente kein angemessenes Leben im Alter sichert – und trotzdem spart nur jeder Dritte für den Ruhestand.


Gründerberatung Mehr als 35 Jahre lang hat HELMUT EIKELMANN als Manager und Berater gearbeitet. Als er mit 63 im Job kürzertrat, wollte er sein Wissen weiter­geben. Seither unterstützt der mittlerweile 70-Jährige als „Wirtschaftspate“ ehrenamtlich Unternehmer bei der Weiterentwicklung ihrer Firmen, darunter Susanne Donnerer, die ein Geschäft für Heimtierbedarf führt. „Ich möchte weiterhin am Wirtschaftsleben teilnehmen“, sagt der Offenbacher. „Das größte Erfolgserlebnis für mich ist, wenn mir ein Unternehmer sagt: ,Es läuft, wir haben wieder eine Etappe geschafft.‘“

IFA-Geschäftsführer Ruß rät Berufstätigen, das Thema rasch in Angriff zu nehmen. „Sinnvoll ist es vor allem, parallel zur gesetzlichen Rente Geld anzusparen und sich dann als lebenslange Zusatzrente auszahlen zu lassen.“

Das staatliche Alterssicherungssystem sei zwar immun gegen Kapitalmarktturbulenzen, dafür aber anfällig für konjunkturelle Schwächen und demografische Veränderungen. Private Vorsorgemodelle – vor allem solche, die auf Aktien beziehungsweise aktienbasierte Fondsprodukte setzen – brächten hingegen das Risiko zeitweiliger Kursrückschläge mit sich, seien jedoch weitgehend unabhängig von der Altersstruktur der Gesellschaft. „Deshalb ist es gut“, so Ruß, „die beiden Modelle zu mischen.“

Von Elke Spanner

* Namen von der Redaktion geändert


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